Von Rollstühlen und Freiheitsplätzen

Essay

Auch im Irak begann im Februar 2011 eine Protestbewegung, doch, so schreibt Ahmed Saadawi, erst die Proteste im Oktober 2019 bedeuteten eine Zäsur für das Land. In seinem Essay untersucht er die Wechselwirkung zwischen progressiven und populistischen Kräften, von den Protesten gegen Saddam Hussein im Südirak 1991 bis zu den jüngsten Aufständen.

Collage: Brücke über die zwei Menschen laufen, der eine trägt den anderen. Im Vordergrund eine Hand, Fernbedienung haltend

1.

Es war an einem jener Tage im Januar 2011, als jeder wie im Rausch den Ereignissen der ägyptischen Revolution folgte, über flimmernde Fernsehbildschirme, die Profile ägyptischer Facebookfreunde und Twitter, als mir mein Newsfeed ein Bild anschwemmte. Es war das Bild eines Mannes, offenbar ein Demonstrant. Er saß im Rollstuhl und versuchte gerade, einen Sicherheitsbeamten zu überreden, ihn durchzulassen: zum Freiheitsplatz, den Tahrirplatz im Zentrum von Kairo.

Ich hatte in meinem Leben schon viele Begegnungen und Interaktionen mit Personen gehabt, die körperliche Behinderungen haben. Einmal schrieb ich sogar einen langen Essay zum Thema Behinderung. Trotzdem verwies mich jenes Pressebild mit dem ägyptischen Demonstranten im Rollstuhl auf ein ganz bestimmtes Bild in meinem Gedächtnis. Ein Bild, das großen Einfluss auf mein Inneres hatte und mir immer wieder aufs Neue begegnet ist, in den unterschiedlichsten Zusammenhängen.

Ich brauche nur die Augen zu schließen, dann bin ich auch schon wieder dort, an jenem wolkenverhangenen Wintertag, 1991 in Bagdad. Einem Februartag, um genau zu sein. Die Koalition hatte ihre Militäroperationen gerade eingestellt, und damit auch die grausamen Luftangriffe auf die Stadt, die irakische Armee hatte ihre Truppen aus Kuwait abgezogen. Wir konnten das Ausmaß der Katastrophe, die mit dem Krieg gekommen war, noch gar nicht ermessen, als uns schon, trotz der gekappten Telefonleitungen, aus dem Süden die Nachricht erreichte, „die Revolution“ sei ausgebrochen.

Ich war damals ein Jugendlicher, ging in die zwölfte Klasse und war – wie die meisten meiner Altersgenossen – unzufrieden und sehr wütend. Wütend über das völlig sinnlose Desaster, in das Saddam Husseins Regime den Irak manövriert hatte. Deshalb empfingen meine Freunde und ich die Neuigkeit der Revolution mit großer Freude. Sogleich „organisierten wir uns für den Ernstfall“ – zumindest glaubten wir das. Professionelle Wege, uns der Revolution anzuschließen, sollte sie eines Tages vor den Toren Bagdads angelangt sein, kannten wir nicht.

Rückblickend scheint es mir vollkommen offensichtlich, dass das, was meine übereifrigen Freunde und ich da vorhatten, purer Selbstmord war. Wir hätten uns freiwillig dem Schafott des Geheimdienstes der Baathpartei ausgeliefert, und an unseren Beitrag zur Revolution, wenn man das denn so nennen konnte, würde sich kein Mensch mehr erinnern. Denn die Situation war natürlich viel komplexer, als wir damals erahnen konnten.

 Unsere Treffen fanden im Schutz der eigenen vier Wände statt und die Meinungen, die wir im dichten Funkrauschen der Transistorradios, deren internationale Sender uns zu den Entwicklungen des Aufstands auf dem Laufenden hielten, miteinander austauschten, unterschieden sich nicht groß voneinander: Wir fühlten uns entwürdigt, besonders vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse, und zwar auf zweierlei Art: Da war einmal unsere persönliche Würde, unsere Würde als Individuen, die die Männer der Saddam'schen Staatssicherheit regelmäßig verletzen. Denn selbst der kleinste Sicherheitsbeamte hatte die Befugnis, jeden Menschen durch die Straßen zu schleifen und seine Würde mit der Nase in den Staub zu pressen, egal wie nichtig der Anlass war. Ein Witz über Saddam Hussein zum Beispiel, über sein Regime oder eine Frage zuviel.

Die zweite Entwürdigung hatte sich vor den Augen der ganzen Welt vollzogen: Ein komplettes Land war erniedrigt worden, und zwar auf eine so scheußliche Weise, dass sie ihresgleichen sucht. Keine Brücke, kein Klär- oder Kraftwerk hatte das Bombardement der Koalitionskräfte überlebt. Und dann der plötzliche, völlig willkürliche Rückzug der Truppen, genauso sinnlos wie der Einfall in den Kuwait zuvor. Zumindest, wenn man die höheren Interessen des Iraks ins Auge fasst, und nicht nur die Willkür eines Einzelnen, den nichts als der pure Zufall an die Spitze der Landesregierung befördert hatte.

Das Gefühl der doppelten Entwürdigung war auch bei den Älteren präsent. Doch bei ihnen wurde der Impuls, Konsequenzen daraus zu ziehen, vom Verantwortungsbewusstsein gegenüber ihren Familien ausgebremst. Wir Jüngeren hingegen waren nicht mehr aufzuhalten, so heftig tobte die Wut in unserer Brust.

Und plötzlich, noch im selben Winter, kamen sie wirklich nach Bagdad: die Proteste. Es begann auf dem Maridi-Markt, dem größten traditionellen Markt in „Revolution-City“ – so hieß das Viertel ursprünglich, bevor man es zwei Mal umbenannte. Zu Saddams Zeiten hieß es „Saddam-City“, heute ist es die Sadr-City[1].

Rein zufällig stand ich mitten im Marktgetreibe, vor der Auslage eines Buchhändlers, der seine Ware vor sich auf dem Boden ausgebreitet hatte. Ich wollte gerade ein Buch umtauschen, bei dem ein paar Seiten gefehlt hatten, als es plötzlich geschah. Die Proteste hatten den Maridi-Markt so jäh erfasst, dass ich nicht genug Zeit hatte, die Lage zu begreifen. All die Pläne, die meine Freunde und ich geschmiedet hatten, wie wir uns der Revolution anschließen würden, sobald sie „Revolution-City“ erreicht haben würde, waren futsch.

Wenig später ließ die Republikanische Spezialgarde – eine gefürchtete Eliteeinheit der Staatssicherheit – ihre Patronen über den Markt zischen. Nur durch ein Wunder schaffte ich es zu entkommen. Ich schlug einen möglichst weiten Bogen durch mehrere Wohnviertel, bis ich die Rückseite meines Elternhauses erreichte. So würden meine Eltern beruhigt sein. Ich wollte vermeiden, dass es so aussah, als komme ich von den Protesten.

Von weitem schon sah ich meinen Vater auf der Straße stehen, den Blick auf das ferne Ende der Hauptstraße geheftet. Dort sah er mich normalerweise auftauchen, wenn ich vom Maridi-Markt zurückkehrte, klitzeklein, wie ein mikroskopisches Wesen. Ich überraschte ihn von hinten. Erst tat er einen Seufzer der Erleichterung, dann fragte er mich aus. Ich schwor ihm, nicht auf dem Markt gewesen zu sein.

Dann gingen wir hinein. Mein Vater schloss sorgfältig die Haustür ab. Das taten in jenem Moment wahrscheinlich die meisten Leute: verriegelten die Türen hinter ihren Eltern oder Kindern, während sie mit unterdrückter Panik den Vergeltungsschlag des Regimes abwarteten – gegen die Bewohner von Saddam-City, die die Frechheit besessen hatten, gegen den Mann rebellieren, der das Viertel mit seinem Namen „gewürdigt“ hatte.

Die Alten sagten eine Welle der Rache gegen die Aufständischen im Süden und alle, die sich mit ihnen verbündet hatten, voraus. Aber wir, meine Clique und ich, hofften allen Ernstes auf einen Sieg der Revolution. Wie naiv und unbedarft wir waren, geblendet vom jugendlichen Trieb, sich in Träume und Spinnereien hineinzusteigern. Aber wer in unserem Alter hätte es schon besser gewusst? 

In der Revolution, die im Südirak entflammt war, sah das Regime lediglich einen „schiitischen“ Aufstand mit konfessionalistischen Forderungen. In den Augen der Aufständischen hingegen war Saddam Hussein der Führer einer „sunnitschen“ Schreckensherrschaft. Einer Herrschaft, die sie unterdrückte, ihnen ihre religiösen Riten verbot, sie bei der Verteilung von Privilegien und Anstellungen im öffentlichen Dienst diskriminierte und ihnen keine höheren Regierungsposten anvertraute. Geriet jemand in Verdacht, einschlägige religiöse Tendenzen zu hegen, wurde er staatlich verfolgt. Im Grunde konnte sogar jeder, der offen religiös war, bezichtigt werden, ein Spion im Auftrag des Irans zu sein. Oder ein Kollaborateur der Islamischen Dawa-Partei, der damals bekanntesten schiitischen Partei im Irak. Anfang der Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurden rein auf den Verdacht hin, jener Partei anzugehören, Tausende zu Tode verurteilt und hingerichtet.

Und so dauerte es gar nicht lange, bis der Aufstand des Südens den konfessionalistischen Charakter, der ihm vorausgesagt wurde, auch tatsächlich erfüllte und jener alte Wahlspruch erklang, der seit den Gründungstagen des irakischen Staates herumspukte.

Mako Walij

illa Alij

wa nried Hakim

Dschaafari!“

Das ist irakischer Dialekt und bedeutet: „Keiner führt uns außer Ali, unser Anführer ist ein Dschaafari![2]

Ein schnörkelloser Slogan, der das Befinden der südirakischen Schiiten unter den verschiedenen konfessionalistischen Regimes, die sie immer auf die eine oder andere Weise diskriminiert haben, gut zusammenfasst. Zusätzlich zum Gefühl der Benachteiligung enthält er auch einen umgekehrt-konfessionalistischen Seitenhieb. Als wolle der, der ihn skandiert, Konfessionalismus mit Konfessionalismus bekämpfen, ohne eine Möglichkeit zu sehen, darüber hinauszuwachsen. Es ist ein Slogan, der die Vielfalt der irakischen Gesellschaft ausblendet und das Konzept von Heimat pervertiert. Alles, was zählt, ist dass die Schiiten einen schiitisch-dschaafaritischer Anführer bekommen müssen.

Das war der Antagonismus damals, bis dahin ging er und nicht weiter. Die Optionen waren begrenzt, das Denken in religiösen Maßstäben das einzige Ventil, das der jungen Generation zur Verfügung stand, um ihre rebellische Energie gegen das totalitäre Regime zu kanalisieren. So kam es, dass auch wir uns als Jugendliche irgendwo in diesem Spektrum wiederfanden. Mit langen Bärten und schwarzen Gebetsketten, umgeben von der düsteren Aura religiöser Texte über die Schrecken des Jenseits, das unsere Gesichter schon im Voraus zu zeichnen schien. So zogen wir durch eine Welt, die auf ganz ähnliche Schrecken zusteuerte. Denn im Süden beging das Regime grausame Massaker. In den Massengräbern, die erst nach 2003 entdeckt wurden, wurden über 20.000 Menschen verscharrt.

2.

Aber nun zurück zu jenem Moment, in dem Sonne gerade angefangen hatte, unterzugehen und die Väter sorgsam die Türen ihrer Häuser hinter ihren Kindern verriegelten, um sie vor den gnadenlosen Schüssen der Spezialgarden zu schützen. Ich versuchte, durch das Fenster etwas zu sehen, aber auf dem Straßenausschnitt war nichts. Ich stieg aufs Dach. Von dort oben bot sich mir ein ungewohnter Anblick. Normalerweise war in dem dichtbesiedelten Arbeiterviertel in dem wir wohnten, auf der Straße vor unserem Haus immer etwas los, bis spät in die Nacht. Nun konnte ich im gedimmten Licht der untergehenden Sonne völlig leere Straßen und Plätze sehen: keine Autos, keine Verkaufskarren, keine Menschen. Nicht einmal streunende Hunde und Katzen. Es war ein fremder, unheimlicher Anblick. Die gesamte Stadt hatte sich in ihre Löcher verkrochen und wartete ab, dass der erhabene Wille des Regimes geschehe.

Während die Dunkelheit immer weiter über den ohnehin schon schwarzverhangenen Himmel kroch, sah ich von der steinernen Brüstung unseres Daches auf dieser leergefegten Bühne unten, wie die klitzekleine Gestalt eines Menschen aus der Ferne näherkam. Von der Mündung der Hauptstraße bewegte er sich über den Asphalt der breiten Querstraße, auf die man vom Hausdach meiner Eltern blickte.

Er stellte sich als jemand heraus, den ich kannte. Ein Verkäufer vom Maridi-Markt. Das war seine allabendliche Strecke. Jeden Tag nach Sonnenuntergang kam er, blieb für zwei oder drei Stunden und ging wieder zurück. Sein Kommen und Gehen auf dem Bürgersteig vor unserem Haus war mir ein vertrauter Anblick. Nur war er heute viel zu früh dran. Außerdem schrie er etwas, vielleicht einen Sprechchor, den ich aus der Entfernung nicht verstehen konnte. Aber in meine Richtung musste er so oder so, und er sah nicht danach aus, als würde er bald innehalten. Er schien zum Platzen voll mit einer Riesenwut, die sich durch seine aufgebracht ausgestoßenen Worte zu entladen versuchte.

Er saß in einem Rollstuhl, den er mit zwei sehnigen, starken Händen in kräftigen Schüben vorwärtsbewegte. Einen Augenblick lang drehten die metallenen Räder sich wie von selbst, dann musste er wieder neuen Anschub geben. Bestimmt war er Kriegsveteran, hatte als Soldat in den Achtzigern im Iran-Irak-Krieg gekämpft. Ich malte mir aus, wie er auch innerlich kriegsversehrt sein musste, verwundet von den entwürdigenden Mitleidsblicken der Anderen. Ich stellte ihn mir als jemanden vor, der voller Wut auf das eigene Schicksal war. Dafür, dass es ihm diesen großen Bruch beschert hatte, der mitten durch seinen Körper verlief und ihn in seiner Bewegungsfreiheit einschränkte, in einem Land, das alles andere als barrierefrei ist.

Viel mehr noch als ich, schien er nach Luft zu ringen und einen Befreiungsschlag herbeizusehnen. Ich mit meinen zwei jungen, gesunden Beinen hatte es gerade geschafft, den Schüssen der Spezialgarde zu entfliehen und heil zurück zu meinem Elternhaus zu kehren. Diese Beine konnte ich mir jederzeit zunutze machen. Zum Wegrennen, oder zum Fliehen, wie es Jahre später meine Freunde taten, als sie den Irak auf bloßen Füßen über die irakisch-syrische Grenze verließen.

Diese Möglichkeiten standen dem traurigen, wütenden Verkäufer nicht zur Verfügung. Er brüllte:

„Raus mit euch! Raus mit euch aus euren Häusern! Worauf wartet ihr? Worauf wartet ihr noch? Raus!“

Während er mitten auf dem Straßenpflaster vor unserem Haus vorbeirollte, ließen mich seine zornigen, verzweifelten Rufe erschaudern. Seine Aufforderung tat mir weh, sie machte mich schrecklich traurig. Noch lange hallte seine Stimme in mir nach. Selbst als er längst weg war, verschluckt von der Straßenflucht.

Viele Jahre lang haben mich seine Schreie verfolgt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn danach noch einmal gesehen habe, aber in meinem Kopf skandierte er immer weiter einsam durch die Straßen der toten, schweigenden Stadt, ohne sich um die Gefahr zu scheren, die von Saddam Husseins Regime damals ausging.

In jenem Augenblick hat dieser Mann die Revolution in ihrer höchsten Form verkörpert. Er war wie einer, der den Berggipfel erklommen hatte und nun seine Fahne aufpflanzte. Da brauchte es kein großes Publikum. So oder so war der Gipfel jetzt nicht mehr unberührt, die Grenze der Angst vor dem Regime für immer überschritten.

Einige Jahre später schrieb ich eine an der Figur des Mannes im Rollstuhl inspirierte Erzählung. Später beschwor ich ihn herauf, als ich 2008 an einem Fernsehstück arbeitete. Die Serie hatte den Titel „In den inneren Rissen verloren gehen“ und wurde zur Ramadan-Saison 2009 auf dem staatlichen Fernsehsender al-Iraqia ausgestrahlt. Da war die Figur des Raad, ein junger Mann mit Behinderung im südirakischen Basra zur Zeit des Aufstands von '91. Ich versuchte die Szene, die ich in jenem Wintertag vom Dach meines Elternhauses in Bagdad beobachtet hatte, exakt nachzustellen. Dann kam er zum dritten Mal zu mir, in Gestalt jenes Pressefotos von der ägyptischen Revolution im Januar 2011.

3.

Die Realität, die die Aufstände von '91 erzeugten, zeigte sich sowohl lokal, als auch international als Wegbereiter für den Sturz des Saddam-Regimes, durch die militärische Besatzung im Jahr 2003. Dann wurden wir Zeugen der rapiden Weiterverbreitung dessen, was die zwei verzweifelten Triebkräfte der Aufstände gewesen waren: Die Kraft der Benachteiligung und die Kraft des umgekehrten Konfessionalismus.

Während sich die Kraft des Gefühls, als Gruppe benachteiligt zu sein, ihren Weg bahnte, wurde gleichzeitig klar, wie vielfältig die schiitische Gesellschaft im Irak ist. Der Oberbegriff „Schiiten“ war viel zu weit gefasst, viel zu schwammig. Vielleicht gerade einmal ausreichend, um eine stumme, zum Schweigen gebrachte Masse zu beschreiben. Doch für ein Land auf dem Weg zu einer Demokratie, deren Handlungsgrundlage es sein sollte, dass Ausdrucks- und Meinungsfreiheit und die Menscherechte respektiert werden, für so ein Land war so ein Oberbegriff völlig unpassend. War es außerdem nicht an der Zeit, dass wir endlich einmal offen miteinander redeten, nach all den Jahren der Unterdrückung durch Saddam?

Gleichzeitig gewann die zweite Triebkraft auch immer mehr an Land: Die Kraft des umgekehrten Konfessionalismus. Dieser bewegte sich immer mehr hin zu einem Wunsch nach einer „schiitischen Herrschaft“, die auf den Trümmern einer angeblich „sunnitischen Herrschaft“ zu errichten sei. Bald schon beherrschte die zweite Triebkraft den öffentlichen Diskurs und färbte die gesamte Politik und die Gesellschaft ein, mit ihrer schweren, rostigen Patina.

Nichts ist einfacher, als die Fantasie der demografischen Mehrheit zu beflügeln, die Macht liege nun in ihren Händen. Alle Forderungen nach einem stabilen politischen System können dann immer hübsch umschifft werden, schließlich wird ja jetzt mit der Macht der Mehrheit regiert! – womit hier natürlich die konfessionelle Mehrheit und nicht die politische gemeint sei. Leider verwenden viele konfessionalistisch-gesinnte Blogger den Begriff „Mehrheit“ bis heute in genau diesem Sinne.

Dass dieser stickige, konfessionalistische Mief entstehen konnte, haben alle mitzuverantworten, ausnahmslos. Jede Konfessionsgruppe, sei es vorsätzlich, durch eine zynische Bündniswilligkeit oder nur durch eine grobe Fehleinschätzung der Situation. Und die gefährliche Mischung aus all dem zusammen, hat schlussendlich zu einer solchen Zerstörung geführt und zu einem derartigen Grauen, wie es niemand vor dem Sturz des Saddam-Hussein-Regimes für möglich gehalten hätte. Konfessionalistisch wie sie ist, hat die komplette politische Klasse des Iraks diese kaputte Realität miterzeugt. Doch ist die Verantwortung dafür keineswegs gleichmäßig verteilt. Der größte Anteil geht auf das Konto der ehemals Benachteiligten, und zwar besonders derjenigen, die Saddams blutige Vergeltung nach den Aufständen von '91 überlebt haben.

Doch zurück zu den zwei Triebkräften des Aufstands von '91, dem Gefühl der Benachteiligung und dem umgekehrten Konfessionalismus. Wie es scheint, war es letzterer, der am Ende die Zügel in die Hand bekommen und die Geschichte neu definiert hat – die der Revolution und die Geschichte im Allgemeinen. Dass es in der Saddam-Ära multiple Formen und Erzählungen des Benachteiligtseins gab, wurde ausgeblendet. Dabei waren zweifelsohne auch andere Gruppierungen innerhalb des Schiitentums von Benachteiligung betroffen, genauso wie nicht-schiitische Gesellschaftsgruppen im Irak.

Bald wurde klar, wie die neue „schiitische Staatsmacht“ tickte. Wie sie, als Teil ihres Ringens um Macht und Wohlstand, versuchte, die Vielfalt der „instrinsisch schiitischen“ irakischen Gesellschaft zu ersticken. Die zivilgesellschaftlichen Akteure, die den Einschüchterungs- und Züchtigungstaktiken der islamischen Strömungen (denen auch die Autoritäten in Bagdad größtenteils angehörten) an vorderster Front Paroli boten, stammten bezeichnenderweise selbst aus schiitischen Armenvierteln. Nichts illustriert besser, dass die schiitische Gesellschaft mitnichten homogen ist, als die Kampagnen, die jene Akteure für ein Ende des „dschaaferitischen Personenrechts“ führten – eine Perversion des „zivilen Personenrechts“ –; oder etwa die gegen einen Gesetzesvorschlag zum Verbot des Verkaufs von Spirituosen.

Auch die Massendemos, die seit 2010 immer wieder aufflammen, spiegeln diesen Trend gut wieder. Die Anlässe sind unterschiedlich, aber letzlich wenden sie sich alle gegen die diktatorische Politik und die spezifische Version des Schiitischseins, die die schiitischen Islamisten der irakischen Gesellschaft aufzwingen wollen. Denn aus dieser Version des Schiitischseins folgt eine ganz bestimmte Version von „Sunnitischsein“, und aller anderen konfessionellen und sozialen Bestandteile der irakischen Gesellschaft auch. Durch die konfessionalistische Brille betrachtet sehen diese Gesellschaftsteile aus wie hermetisch dichte, voneinander isolierte Schubladen. Über die haben dann bitteschön traditionelle Eliten zu entscheiden – also die jeweiligen religiösen Anführer, mitsamt ihrem politischen Gefolge. Die werden immer wieder gerne so dargestellt, als seien sie die naturgegebenen Repräsentanten ihrer Gruppe.

Dieser Konflikt trat immer deutlicher zu Tage, bis es schließlich zu den Aufständen im Oktober 2019 kam. Und die, so wurde bald klar, sollten einen Wendepunkt bilden, wie ihn keine andere irakische Protestbewegung der Vergangenheit je hervorgebracht hat.

4.
Während der ersten Tage der Aufstände befand ich mich gerade
auf einem Kulturfestival in der rumänischen Stadt Iași. Es gab eine Signierstunde für die rumänische Ausgabe meines Romans „Frankenstein in Bagdad“. Obwohl die Regierung das Internet im Irak komplett abgeschaltet hatte – die Autonome Region Kurdistan ausgenommen  – tröpfelten immer mehr Videoaufnahmen der Aufstände in die Newsfeeds der sozialen Medien – wenn ihr Weg dorthin auch etwas kompliziert war: Mal nutzte man die Übertragungswagen eines Sattelitensenders, der live von den Demonstrationen berichtete und noch nicht von den Regime-Milizen attackiert worden war, mal wurden die Videodateien auf Festplatten gespeichert, mit denen man dann in die Autonome Region Kurdistan reiste, um sie von dort aus ins Netz zu stellen.

Ich stand gerade für das Frühstücksbuffet im Hotel an, als ich ungläubig auf meinem Smartphone etwas sah, das ich im ersten Augenblick für eine Alptraumsequenz aus meiner Erinnerung hielt.

Da waren Sicherheitsbeamte, vielleicht waren es auch Bewaffnete mächtiger Milizen. In den Uniformen der Staatssicherheit führten sie öffentliche Hinrichtungen aus. Auf einem Video sah man einen Demonstranten mit einem maskierten Sicherheitsmann sprechen, als dieser seinen Gewehrlauf hob und auf den Kopf des Demonstranten zielte. Ich dachte, er wolle ihm nur Angst machen, damit dieser weggehe. Doch er drückte auf den Abzug und erschoß den jungen Mann. Dann ging er einfach weg, am hellichten Tage, über die Schreie und Klagerufe derer hinweg, die diese schreckliche Szene mitangesehen hatten.

Während ich mir diese Szenen ansah musste ich weinen. Sie erinnerten mich an die Videoaufnahmen, die erst nach dem Sturz von Saddam Hussein ans Licht gekommen waren und die Verbrechen gegen die schiitischen Südiraker/innen dokumentierten, mit denen Saddams Schergen sie für ihren Aufstand bestraft hatten.

Die konfessionalistische Staatsmacht hatte das Benachteiligtsein also endgültig hinter sich gelassen. Da war sie nun, tötete Menschen ihrer eigenen Konfessionszugehörigkeit, und tat dies aus keinem anderen Grund, als dass sie sich nicht in ihre speziellen Version von Schiitischsein eingliedern ließen. So töteten die Autoritäten der schiitisch-islamistischen Parteien kaltblütig an die 700 unbewaffnete, junge Demonstrant/innen, die meisten von ihnen aus armen schiitischen Vierteln. Einfach nur, weil sie in ihren Augen keine Schiiten waren. Sondern, nun ja, Freimaurer, Kollaborateure der USA, des Mossad, des ungläubigen Westens oder womöglich sogar der Echsenmenschen!

Kaum war ich wieder in Bagdad, erreichten mich Vorwürfe und Drohungen, weil ich Texte verfasst hatte, in denen ich mich mit der jungen Protestbewegung solidarisierte. Trotzdem konnte ich es nicht bleiben lassen. Ich musste hingehen, auf den Freiheitsplatz, der – neben anderen Plätzen im Südirak – Hauptbastion der Demonstrant/innen in Bagdad.

Es wäre einfach nur zum Schämen gewesen, wenn ich mich von meiner Angst um meine persönliche Unversehrtheit hätte abhalten lassen, mich jenen mutigen, jungen Leuten anzuschließen. Schließlich riskierten sie ihr Leben, um gegen die Tyrannei der Herrschenden Gesicht zu zeigen.

Der Slogan, der später zum zentralen Motto der Oktoberaufstände wurde, lautete: „Nried Watan“ –„Wir wollen ein Land“. Es herrschte allgemein ein Gefühl von Erniedrigung, von Entwürdigung des Einzelnen. Die endlose Arbeitssuche war degradierend, das Betteln und Schleimen für jede Anstellung im öffentlichen Dienst erniedrigend. Doch am erniedrigendsten war der ständige Terror, den die Milizen, die mittlerweile alle Bereiche des Lebens beherrschten, verbreiteten. Und dann war da noch etwas Übergeordnetes, etwas womöglich sogar Wichtigeres: Das Gefühl, das Land selbst war entwürdigt und seine Souveränität gebrochen worden. Dass es völlig fremdgesteuert war durch regionale und internationale Mächte, und allen voran die Islamische Republik Iran.

Es war wieder so eine Situation, bei der sich das Gefühl des persönlichen Entwürdigtseins mit dem Gefühl der Entwürdigung des Landes vermischte. Genau wie damals, unter dem schrecklichen Bombenbeschuss der Koalitionskräfte, als Saddam die irakischen Truppen aus dem Kuweit abzog. Da stand ich nun, atmete wie all die jungen Leuten auf dem Freiheitsplatz Tränengas ein. Und plötzlich war ich wieder der ungestüme, naive Junge, der ich 1991 war.

Während ich mich über den Platz durch das Gedränge schob, sah ich gleich mehrere Demonstranten im Rollstuhl, die sich irakische Flaggen um den Körper gewickelt hatten. Ob es mich wunderte?

Das Phantom des mutigen Mannes im Rollstuhl, der damals im Winters '91 im Sonnenuntergang verschwand, schien Hologramme von sich auszusenden. Wieder und wieder schien er vor meinen Augen vorbeizuhuschen, während er mit seinen starken Armen die Räder anschob. Dabei gab es einen gewaltigen Unterschied zwischen beiden Szenen. Heute, auf diesem Platz und all den anderen aufständischen Plätzen, war er nicht mehr einsam. Er gehörte dazu. Seine Stimme, die, gemeinsam mit dutzenden, ach was, hunderten anderer Stimmen für Würde und Freiheit skandierte, war Teil eines Ganzen. Auch wenn die Protestwelle irgendwann abgeebbt sein wird, diese Stimmen werden für die politische Landschaft im Irak unentbehrlich sein. Und genau wie als im Winter 1991 eine Handvoll Jugendlicher ohne Parteizugehörigkeit den Popanz der Angst vor dem Saddam-Regime zerschlug, tat die Jugend der Oktoberrevolution im Winter 2019 das Gleiche. Sie haben dafür gesorgt, dass sie politischen Anführer ihren Nimbus verloren haben. Und es sieht nicht danach aus, dass sie ihn in naher Zukunft wiederherstellen werden können.

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Autor: Ahmed Saadawi (*1973) ist ein irakischer Schriftsteller und Journalist. Er schreibt Romane, Lyrik, Drehbücher und macht Dokumentarfilme. Für seinen Roman „Frankenstein in Bagdad“ wurde er unter anderem 2014 mit dem International Prize for Arabic Fiction ausgezeichnet und die englische Übersetzung von Jonathan Wright auf der Shortlist des Man Booker International Prize 2018 nominiert. Er lebt und arbeitet in Bagdad.

Übersetzung aus dem Arabischen & KurationSandra Hetzl (*1980 in München) übersetzt literarische Texte aus dem Arabischen, u.a. von Rasha Abbas, Mohammad Al Attar, Kadhem Khanjar, Bushra al-Maktari, Aref Hamza, Aboud Saeed, Assaf Alassaf und Raif Badawi, und manchmal schreibt sie auch. Sie hat einen Master in Visual Culture Studies von der Universität der Künste in Berlin, ist Gründerin des Literaturkollektivs 10/11 für zeitgenössische arabische Literatur und des Mini-Literaturfestivals Downtown Spandau Medina.

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Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie „Blick zurück nach vorn“ . Anlässlich von zehn Jahren Revolution in Nordafrika und Westasien schildern die Autor/innen dabei aus verschiedensten Kontexten, was sie hoffen, wovon sie träumen, was sie sich fragen und woran sie zweifeln. In ihren literarischen Essays wird deutlich, wie wichtig die persönlichen Auseinandersetzungen sind, um politische Alternativen zu entwickeln, und was jenseits der großen Ziele erreicht wurde.

Mit dem anhaltenden Kampf gegen autoritäre Regime, für Menschenwürde und politische Reformen beschäftigen wir uns darüber hinaus in multimedialen Projekten: In unserer digitalen scroll-story „Aufgeben hat keine Zukunft“ stellen wir drei Aktivist/innen aus Ägypten, Tunesien und Syrien vor, die zeigen, dass die Revolutionen weitergehen.

 

[1]     Benannt nach dem irakischen Geistlichen, schiitischen Politiker und Milizenführer Muqtada al-Sadr (*1974), dessen Streitkräfte von 2004 bis 2008 gegen US-amerikanische und irakische Truppen kämpften.

[2]     Jemand von der dschaafaritischen Rechtsschule, sprich, der Zwölfer-Schia angehört.