Die Expedition

Interview

Mai Chanprakhon ist thai-deutsch, nicht-binär und studierte*r Biolog*in. Im vergangenen Jahr war Mai als wissenschaftliche Hilfskraft bei einer Expedition in der Arktis und beginnt jetzt den Masterstudiengang Marine Ecology and Resource Biology. Mais Leidenschaften sind der eigene Podcast "Mais Podcast", Nageldesign und Wissenschaft. Sich als queere of Color Person in der weißen Academia zu bewegen, bringt viele Hindernisse mit sich: Bildungsungleichheit, Habitus und anhaltendes Othering. Wie erlebt Mai als Nachwuchswissenschaftler*in die Gleichzeitigkeit von Hyper- und Unsichtbarkeit in der deutschen akademischen Welt?

Mai Chanprakhon Portrait

Jena Samura: Letztes Jahr hast du eine Expedition in die Arktis gemacht. Kannst du darüber ein bisschen erzählen?

Mai Chanprakhon: Ich war als studentische Hilfskraft an einem deutschen Forschungsinstitut angestellt. Mein Bachelor hatte einen Fokus auf biologische Ozeanographie, weshalb es mich extrem gefreut hat, Teil des Expeditions-Teams zu sein. Während der Reise habe ich mich hauptsächlich als unterstützende Hand gesehen: Plankton Bestand messen, Eiskerne bohren, Arbeitsabläufe auf dem Schiff kennenlernen.

Wie sah die personelle Zusammensetzung des Forschungsteams aus mit dem duunterwegs warst?

Auf dem Boot waren hauptsächlich weiße cis-Männer. Die Expedition hatte zwar eine Frauenquote, aber ich bin keine Frau und BIPoCs waren außer mir auch nicht anwesend. Hinzu kam, dass ich mich immer wieder outen musste. Die Expedition war englischsprachig,was es eigentlich einfach macht they/them als Pronomen zu verwenden, aber immer wieder wurde ich gefragt: “Ist das nicht plural?”. Mich ständig erklären zu müssen war erschöpfend.

Hast du im akademischen Kontext das Gefühl die Model Minority sein zu müssen und aktiv ein positives, engagiertes Bild von People of Color zeichnen zu müssen?

Wenn ich dieses Bild nicht erfüllen würde, wäre ich gar nicht in diesen Räumen. Es gibt kaum BIPoC in Forschungsteams und die, die da sind müssen sich einem bestimmten Habitus anpassen. Ich passe mich teilweise so gut an, das Menschen vergessen dass ich of Color bin. Sie denken ich mache keine Rassismuserfahrungen mehr, da ich ja Teil eines akademischen Teams bin. Dabei ist dieses sich-anpassen sehr anstrengend und verlangt viel Kraft von einer queeren of Color Person, die keinen akademischen Familienhintergrund hat. Asiatische Menschen werden allerdings eh als Vorzeigemigrant*innen gesehen. Der Stereotyp: fleißig, leise, leisten keinen Widerstand. Das gibt mir Privilegien, die Schwarze oder muslimisch markiere Personen in der Akademia nicht haben. Gewaltvoll ist diese Wahrnehmung meiner Person allerdings trotzdem.

Würdest du sagen, es gab Situationen in denen du als “Diversity Token” instrumentalisiert wurdest?

Das ist eine Frage, die ich mir auch häufiger stelle. Bei der Expedition durfte ich in einem Live-Stream erklären was wir in der Arktis machen. Ich hatte Bock darauf, aber ich war auch der*die einzige PoC auf dem Boot. Mein Betreuer ist auf mich zugekommen und meinte “Hey, mach du das doch.” Es hat Sinn gemacht, weil ich seine Arbeit gut kenne, aber es bleibt ein Nachgeschmack.

Neben persönlichen Erfahrungen in der Wissenschaft können wir ja auch thematischinhaltlich in vielen Bereichen koloniale Kontinuitäten sehen. Hast du Beispiele für white Gaze in der Biologie?

Gerade in der Ökologie gibt es einen starken white Gaze. Es sind häufig weiße Europäer*innen, die im Globalen Süden forschen. Lokales und indigenes Wissen wird gar nicht anerkannt. Gerade bei der Polar oder Tropenforschung ist das fatal, denn indigene Menschen leben seit Jahrtausenden in beforschten Gegenden. Auch in der Forschungsgeschichte, waren es angeblich immer weiße “Entdecker”, die zuerst zum Beispiel am Nordpol waren. Da frage ich mich: “War das wirklich die erste Person am Nordpol oder einfach die erste weiße Person?”. Ich habe bei Forschungen und auch in der Uni erlebt, dass Naturwissenschaft als neutral und unabhängig vom sozialen und politischen Kontext gedacht wird. In der Biologie funktioniert das für mich nicht. Menschen sind unmittelbar mit ihrer Umwelt verbunden, indem sie in und mit ihr leben.

Hast du Zweifel, eine wissenschaftliche Karriere anzustreben?

Persönlich bin ich immer wieder hin und her gerissen. Große Zweifel habe ich vor allem, wenn ich mich frage: “Will ich teil eines kolonialen Systems sein?” und mich damit in die Tradition rassistischer und queerfeindlicher Praxis stellen. Zudem ist Wissenschaft mit Druck, Konkurrenz und schlechter Work-Life Balance verbunden. Das ist an sich schon belastend, aber gerade wenn du Mehrfachdiskriminierung ausgesetzt bist, wird es noch anstrengender. Besonders weil ich keinen akademischen familiären Background habe. Ich weiß nicht, ob ich mir das antun will. Auf der anderen Seite finde ich es wichtig zum Klimawandel zu forschen und Teil einer Zukunftslösung zu sein. Ich will durch meine Anwesenheit andere BIPoCs ermutigen in die Naturwissenschaften zu gehen.

Wer sind deine Vorbilder, Personen die dich inspirieren weiterzumachen?

Das Genie wird weiß und cis-männlich imaginiert, vor allem in der Chemie und Physik. Deshalb hatte ich früher keine Vorbilder. Außerdem wird der Anteil an Forschung, den FLINT*-Personen beitragen historisch unsichtbar gemacht. Aktuell begeistert mich vor allem Chanda Prescod Weinstein ein*e nicht-binäre Schwarze Astrophysiker*in. Sie verbindet Naturwissenschaft mit sozialen Fragen. Von Chanda habe ich gelernt, dass beides untrennbar zusammen hängt.

Wie geht es für dich und die Wissenschaft nun weiter?

Früher wollte ich einfach nur erfolgreich in Akademia zu sein, einen Dr. Titel machen und zeigen, dass ich es schaffen kann trotz all der Barrieren. Aber mittlerweile möchte ich eine Trennung zwischen Lohnarbeit und Privatleben haben. Und eine Arbeit finden, die mich nicht ständig ausgelaugt, es soll nachhaltig sein und am besten ein Ort an dem ich nicht ständig kämpfen muss, aber ich weiß nicht ob das dieser Gesellschaft möglich ist - schon gar nicht in der Wissenschaft.