Weitere Informationen zum Thema Neue Ökonomie der Natur

Hier finden Sie Empfehlungen und Links zu den wichtigsten Artikeln, Publikationen, Datenbanken und Videos zu unserem Dossier "Neue Ökonomie der Natur".

1. Kritik der Grünen Ökonomie. Buch, 2015.

Die "Grüne Ökonomie" will als neues Leitbild Lösungen für ökologische und ökonomische Probleme anbieten. Kann sie das wirklich? Die Autor*innen hinterfragen die Grundannahmen der "Grünen Ökonomie", ihre Hypothesen und Lösungsvorschläge. Können "grüne" Technologien tatsächlich eine Lösung sein, wenn sie den Konsum weiter anheizen? Was bedeutet grünes Wachstum, wenn gleichzeitig die Emissionen aus der Nutzung fossiler Energieträger weiter steigen? Wo liegen die Grenzen und Widersprüche eines Konzepts, das Natur retten will, indem es ihren Dienstleistungen einen Geldwert gibt?

2. CO2 als Maß aller Dinge. Die unheimliche Macht von Zahlen in der globalen Umweltpolitik.

Camila Moreno, Daniel Speich Chassé und Lili Fuhr. Broschüre, 2016. 

Was bedeutet es für die Herangehensweise an globale Umweltkrisen, wenn diese mit Zahlen statt wirtschaftlichen Interessen erklärt werden? Welche Auswirkungen ergeben sich daraus für gesellschaftlichen Wandel? Diesen Fragen gehen die Autor*innen am Beispiel in der Klimapolitik nach. Sie zeigen, wie die Fokussierung auf CO2 als Maß aller Dinge zwar sehr viel neues Wissen hervorgebracht hat, gleichzeitig aber den Blick auf Interessenkonflikte, machtpolitsche Zusammenhänge und die politische Ökonomie der Klimakrise verstellt. Die Konsequenz dieser Fixierung auf Zahlen in der Analyse des Klimawandels: Die Ursache wird an der zu hohen Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre festgemacht, statt an  der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern Kohle, Erdöl und Erdgas.

Mit dieser Problembeschreibung sind Lösungsansätze wie der Emissionshandel oder eine Bepreisung von Kohlendioxid vorgezeichnet, während Ansätze, die Förderung von Kohle, Erdgas und Erdöl schnellstmöglich zu beenden, in der Klimapolitik kaum eine Rolle spielen. Denn, wie die Autor*innen zeigen, die Art und Weise einer Problembeschreibung legt weitgehend fest, welche Maßnahmen zur Lösung des Problems in Erwägung gezogen werden – und welche Lösungsansätze vorgegebenen Pfade nicht als Lösungen betrachtet werden.

3. Economic Valuation and Payment for Environmental Services. Recognizing Nature's   Value of Pricing Nature's Destruction?

Jutta Kill. E-Paper Heinrich-Böll-Stiftung, 2015. 

Die Autorin zeigt auf, dass eine ökonomische Bewertung von Natur zwar kein neues Phänomen ist, sich die aktuelle Debatte um eine Bepreisung von Natur aber in zentralen Punkten von vorherigen Diskursen unterscheidet.

Ökonomische Bewertung von Natur heute will nicht physisch meßbare Güter wie Holz bestimmter Baumarten oder genetische Sequenz von Medizinalpflanzen ökonomisch erfaßen, sondern bestimmte Funktionen von Lebensräumen. Ziel ist eine Wertschöpfung der Kapazität eines Waldes, Kohlenstoff zu speichern, zum Beispiel, oder von Wald als Lebensraum für eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten. Beim populärsten Instrument der aktuellen ökonomischen Bewertung von Natur, dem Handel mit Kompensationsgutschriften, geht es gar darum, den ökonomischen Wert einer unterlassenen Handlung zu bestimmen: Eine geplante Freisetzung von Treibhausgasen wird unterlassen oder die Zerstörung eines bedrohten Lebensraums wird durch die Kompensationsmaßnahme erhalten, wodurch Zerstörung an anderer Stelle (buchhalterisch) ausgeglichen werden kann.

Die Publikation erörtert zentrale ökologische, gesellschaftliche und ökonomische Fragen, die sich aus dem Versuch ergeben, solch physisch nicht direkt meßbare Funktionen von Lebensräumen ökonomisch zu bewerten. Online-Kommentare ergänzen die in der Publiaktion diskutierten Argumenten und Anaylsen.

4. Die vermessene Natur. REDD: Wie die Klimapolitik den Wald entdeckt und verändert.

Thomas Fatheuer, FDCL. Broschüre, 2015.

'Die Vermessene Natur' stellt den seit 2005 in der internationalen Waldpolitik verfolgten Ansatz "REDD+" vor, der Wald- und Klimaschutz verbinden soll. REDD steht für eine Minderung von Emissionen aus Entwaldung und nicht nachhaltiger Waldnutzung (im Englischen: Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation). 

Nach einer Einführung in die konzeptionellen Grundzüge und Widersprüche von REDD werden Erfahrungen bei der Umsetzung des Konzepts beschrieben. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Umsetzung von REDD in Lateinamerika sowie dem REDD Early Movers Programme der Bundesregierung. Die Broschüre schließt mit einer Analyse der waldrelevanten Beschlüsse des Klimagipfels von Paris im Dezember 2015.

5. 50 Shades of Green: The rise of natural capital markets and sustainable finance – Part I: Carbon.

Green Finance Observatory. Bericht, 2019.

Die Publikation liefert eine mit zahlreichen Literaturverweisen versehene kurze Einführung in die konzeptionellen Gundlagen des Emissionshandels und Erfahrungen mit dem Instrument in unterschiedlichen Kontexten. Ausgehend von diesen konzeptionellen Grundlagen erörtert der Autor Widersprüche, die die Umsetzung des Emissionshandels im EU-Emissionshandelssystem hervorgebracht hat. So hat der EU Emissionshandel bisher trotz Reformen kein eindeutiges Preissignal für eine schnelle Minderung von Treibhausgasemissionen und den Umbau von Produktionsprozessen geliefert. Im Kapitel 'Ein politischer Gewinn und ein ökologisches Versagen' geht der Autor der Frage nach, warum Entscheidungsträger*innen trotz mangelnder Wirksamkeit am Instrument des Emissionshandels festhalten und das Instrument gar auf weitere Bereiche wie den internationalen Flugverkehr ausweiten.

6. 50 Shades of Green. Part II: The fallacy of environmental markets.

Green Finance Observatory. Bericht, 2019.

Was bedeutete es für EU Umweltgesetzgebung, wenn Natur als Naturkapital verstanden wird und Lebensräume als Lieferanten von Ökosystemleistungen beschrieben werden? Nach Dafürhalten des Autors, bereitet dies den Weg für Kompensationsinstrumente, die Wasserverschmutzung und die Zerstörung von Lebensräumen erleichtern. 

Die Publikation gibt einen Überblick über Initiativen der Europäischen Kommission, die darauf abzielen, Kompensationsinstrumente in der EU Gesetzgebung zu verankern. Begriffe wie Naturkapital und Ökosystemleistung werden kurz erläutert. Annahmen, mit denen für die Einführung von Kompensationsinstrumenten in die EU-Umweltgesetzgebung argumentiert wird, werden kritisch hinterfragt. Ein Ausblick auf mögliche zukünftige Märkte mit Natur zeigt, dass die Europäische Kommission zu den stärksten Befürwortern solcher Initiativen zählt, auch wenn EU-Bürger*innen dem Ansatz der Biodiversitätskompensation 2014 eine deutliche Absage erteilten.

7. Regulated Destruction. How biodiversity offsetting enables environmental destruction.

Friends of the Earth International. Broschüre, 2019.

Kompensationszahlungen fördern die Zerstörung von Wald für Bergbau und Infrastruktur in Indien, Gebiete zum Schutz von spektakulären Wasserfällen in Uganda werden zur Flutung freigegeben mit dem Argument, dass an anderer Stelle von Zerstörung bedrohte Wasserfälle geschützt werden – die dann wenig später ebenfalls von einem weiteren Stausee geflutet werden.

Die Broschüre zeigt auf, wie bestehende Umweltgesetzgebung in immer mehr Ländern geschwächt wird und geschützte Lebensräume legal zerstört werden, wenn Natur zu Naturkapital wird. Zentrales Instrument ist dabei die Kompensation. Sie ermöglicht es, selbst innerhalb von Schutzgebieten Natur zu zerstören, solange der Zerstörer das Versprechen abgibt, an anderer Stelle bedrohte Natur zu schützen, oder geschädigte Flächen zu renaturieren. Die Broschüre beschreibt Projektbeispiele sowie Gesetzesvorhaben aus zahlreichen Ländern, darunter Kenia, Uganda, Kolumbien, Brasilien, Costa Rica, Indien und Kanada.

8. You can’t value what you can’t measure”: a critical look at forest carbon accounting.

Lauren Gifford. Article, 2020.

Die Autorin geht in diesem wissenschaftlichen Artikel der Frage nach, wie Wälder zu Kohlenstoffeinheiten wurden, mit denen sich die Freisetzung von Kohlenstoff aus fossilen Depots – Kohleflözen, Erdöl- und Erdgaslagern -  verrechnen läßt. Wie schafften es die Initiatoren von sogenannten REDD-Projekten, eine hypothetische Annahme (vermeintlich geplante Zerstörung eines Waldes wird verhindert durch eine REDD-Maßnahme) als vertrauenswürdige Quelle für die Kompensation von realen Treibhausgasen zu etablieren, obwohl die zugrundeliegenden Berechnungen zahlreiche Widersprüche und große Differenzen aufweisen? REDD steht dabei für die Minderung von Emissionen aus Waldzerstörung und der nicht-nachhaltigen Nutzung von Wald, im Englischen, Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation. REDD wurde seit 2005 zum dominierenden Instrument im internationalen Waldschutz, doch die weltweite Entwaldung steigt weiterhin.

Der wissenschaftliche Artikel erklärt anhand von konkreten Initiativen in den USA und in Peru, wie die Produktion neuen Wissens und komplexer Berechnungen dazu beiträgt, konzeptionelle Widersprüche unsichtbar zu machen. Die Autorin erläutert, welche Rolle hierbei der Rückgriff auf 'gute fachliche Praxis' spielt: Neue REDD-Projekte übernehmen bereits von anderen Projekten etablierte Argumentationen und Berechnungen, auch wenn diese umstritten sind. Die Rechtfertigung: Der Ansatz wurde bereits von anderen Projekten benutzt. Kritisch setzt sich der Artikel zudem mit der Frage auseinander, welche Rolle neu generiertes Wissen dabei spielt, einen Ansatz zu rechtfertigen, der von Beginn an umstritten war und Entwaldung nicht hat mindern können.

9. Forests, carbon markets, and capitalism: How deforestation in Indonesia became a geo-political hornet’s nest.

Bernice Maxton-Lee. Artikel, 2020.

Der Artikel gibt einen Vorgeschmack auf die unbequeme Schlußfolgerung, die die Autorin in ihrem Buch Forest Conservation and Sustainability in Indonesia. A Political Economy Study of International Governance Failure zieht: Zertifizierte Produkte mit entwaldungsfreien Lieferketten zu konsumieren, Petitionen zum Schutz bedrohter Arten und Lebensräume zu unterzeichen, Kompensationsgutschriften zu kaufen, um Klimagasemissionen vermeintlich zu neutralisieren – all dies ist gut für's Gewissen, beendet aber die Zerstörung von Wäldern nicht. Im Buch analysiert die Autorin Waldschutzinitiativen in Indonesien, und erläutert, warum sie Waldzerstörung nicht aufgehalten haben. 

Der Artikel verdeutlicht am Beispiel von REDD, wie sich Befürworter des Konzepts, das Wald- und Klimaschutz miteinander verbinden will, das absehbare Scheitern mit undurchsichtigen mathematischen Formeln schönrechnen. Die Lösung der simplen Rechenaufgabe 'Wenn ich fünf Äpfel habe und Hanna nimmt vier, wieviel Äpfel bleiben mir dann' ist dann plötzlich nicht mehr '1', sondern 'wenn man davon ausgeht, dass sie soviele Äpfel nimmt wie im langjährigen Mittel der letzten zehn Jahre, und man noch bedenkt, dass ich noch sechs weitere Äpfel gefunden habe, von denen ich garnicht wußte, dass ich sie habe, dann könnte ich sogar mehr Äpfel haben als vorher'. Diese Rechenakrobatik, so die Autorin, verstellt den Blick auf die Tatsache, dass Entwaldung nach wie vor ein lukratives Geschäft ist.

10. REDD-Monitor Webseite.

Die Webseite REDD-Monitor ist eine Schatztruhe an Informationen zum Thema 'REDD' – einem internationalen Ansatz, der Wald- und Klimaschutz vereinen soll. REDD steht dabei für 'Minderung von Emissionen aus Entwaldung und nicht nachhaltiger Waldnutzung' im Englischen, 'Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation'.  Die Beiträge decken ein breites Spektrum von Themen ab. Archivierte Beiträge ermöglichen einen Blick in die Geschichte von REDD oder auf Informationen zu älteren REDD-Projekten, die auf den Seiten der Projektbetreiber nicht mehr aufgeführt sind.

11. Natur – Spekulationsobjekt mit Zukunft?

Arte Dokumentation, 2015.

Natur – Spekulationsobjekt mit Zukunft untersucht in verschiedenen Ländern, wie Natur in ein handelbares Produkt verwandelt und für Kapitalkreisläufe des Finanzmarkts greifbar wird. Wie wurde Naturschutz zu einem globalen Markt? Warum interessiert sich die Finanzwelt so brennend für diesen neuen Wirtschaftsbereich? Welcher Zusammenhang besteht zwischen den Akteuren der neuen Märkte und den Verantwortlichen für die jüngste weltweite Finanzkrise? Welchen Einfluss üben Lobbys bei internationalen Institutionen wie den Vereinten Nationen oder der EU aus, um dieses „Naturkapital“ zu mehren? Welchen Gesetzen unterliegen diese neuen Märkte?

Diese Literatur- und Linkliste ist Teil unseres Dossiers "Neue Ökonomie der Natur".